Fools Overture – Trommeln ist primitiv

Lange bevor ich wieder Schlagzeug zu spielen begann erfuhr unser Kind, dass ich mal getrommelt hatte. Zu der Zeit spielte es bereits mehrere Jahre Klavier und suchte nach einem neuen Instrument. Und Schlagzeug? Das klang verdammt verlockend. „Ich möchte auch Schlagzeug lernen“, sagte es. Und kassierte prompt ein Stop-Schild, als eine vertraute Stimme entscheidende Worte sprach: „Trommeln ist primitiv.“

Happy wife, happy life – da kann man(n) natürlich nur beipflichten. Oder im Habit des Meinungs-Neutrinos ganz unauffällig vorübergehend etwas Gartenarbeit erledigen. Und außerdem – vielleicht ist Trommeln ja tatsächlich primitiv?

Immerhin ist die Tätigkeit des tonerzeugenden Schlagens von Gegenständen in etwa so alt wie die Steinzeit junior, also das Neolithikum. Das war die Zeit, als die Jäger und Sammler zu Hirten und Bauern mutierten, also etwa 9.500 v. Chr.. Das ist nun gute 11.500 Jahre her. Nachdem die Steinzeitmenschen eine Weile Stöcke aneinander schlugen, erwischte eines Tages jemand einen holen Baumstamm (vermutlich weil ihm ein Stock wegflog…). Was dann den Anfang vom Ende des schlichten Stöckchenschlagens markierte.

Erste echte Trommeln, also mit Fell bespannte Rahmen oder Gefäße, finden sich in ägyptischen Pharaonen-Gräbern, chinesischen Bestattungsstätten und auch in mitteleuropäischen Ausgrabungen. Die ältesten von ihnen, oft sanduhrförmig, datieren zurück in die Zeit um 5500 v. Chr.

Und es stimmt: Diese Trommeln waren primitiv. Und die meisten Trommeln sind das noch heute: Draufhauen, Ton machen, fertig. Mehr kann so eine Trommel nicht. Und draufhauen, Ton machen, fertig – das kann jedes Kind. Und darin liegt einer der wesentlichen Reize dieser Dinger:

Trommeln geben die Belohnung direkt zurück. Sie stellen keine hohen Ansprüche dafür. Sie nehmen den Schlag und klingen zum Dank. Und dazu soll zu trommeln ja auch dem Herzschlag ähneln. Jedenfalls manchmal.

Da die primitiven Trommeln so primitiv sind, wurden sie schon früh für allerhand Zwecke eingesetzt. Zuerst vermutlich zur Kommunikation über lange Distanzen und damit wohl auch für den Plausch mit den Göttern. Das führte zu ihrem Einsatz im Rahmen von Ritualen für Trauer, für Heilungen, für Feiern, als Begleitung zum Tanz. Gewesen ist das vermutlich zuerst auf dem afrikanischen Kontinent und in Indien.

Dass der Vorwurf des Primitiven aus weiblichem Munde, hat mich indes überrascht. Nicht so sehr wegen Sheila E., Hannah Welton, Emmanuelle Caplette, Annika Nilles und weiteren Grande Dames des Metiers. Der Grund lag vielmehr in ägyptischen Malereien, die trommelnde Personen zeigen. In Tempeln. Und eine der ältesten Zeichnungen von diesen zeigt – eine Frau. Eine Priesterin, um genau zu sein. Ob die gute wohl ahnte, dass sie einer primitiven Tätigkeit nachging, als sie in Erfüllung wichtiger religiöser Pflichten mit den Händen die Felle berührte?

Geschenkt. Denn mit der Zeit entwickelte sich aus einer Trommel, eine ganze Familie: große und kleine für verschiedene Töne, später kam noch die Snare dazu, noch später die Hardware, und nebenbei entdeckte da und dort der ein oder andere, dass Klangblechle türkischer und chinesischer Provenienz eine willkommene Bereicherung der befellten Membranophone darstellen.

Als dann ende des 19. Jahrhunderts jemand auf die Idee kam, die einzelnen Trommeln und Becker seiner Marchingband an einem Platz zu versammeln, sie dort sinnvoll um sich herum aufzustellen und sie alle mehr oder minder gleichzeitig zu bedienen, war schließlich das Schlagzeug geboren. Das durfte sich zur Belohnung direkt in die Dienste des Jazz stellen, bevor es zum unverzichtbaren Rückgrat von Rock, Pop, Funk, Beat und ich weiß nicht was noch allem wurde.

Geblieben ist aber das Draufhauen. Und da wir von Kindesbeinen an lernen, dass jeder doof ist, wer haut, und dass jeder, der haut und doof ist, natürlich auch primitiv ist, bleiben Trommler – natürlich – primitiv. Und das ist – doof? Auch. Aber vor allem ist es falsch. Belegt hat das eine Studie aus Bochum.

Bochum? Das für sein einstiges Opelwerk, sein Ballett unter Pina Bausch und auch sein Theater berühmt war, solange dort noch Armin Kurt Rohde-Baron von Schilling auftrat? Jupp. Bochum!

Die Studis an der Medizinischen Fakultät der Ruhr Universität Bochum haben bereits 2019 insgesamt 20 professionelle Primitive … – Entschuldigung, es muss natürlich heißen: „professionelle Schlagzeuger“ – und als Kontrollgruppe 24 durchschnittsclevere Normalos für ihre Studie zusammengetrommelt, sie bei ihren Tätigkeiten beobachtet und zwischendrin die Hirne vermessen. Das Ergebnis?

Niederschmetternd.

Die Studie mit dem Titel „Boom Chack Boom—A multimethod investigation of motor inhibition in professional drummers“ zeigt, dass die professionellen Schlagzeuger im Corpus Collassum, der als Teil der weißen Gehirnmasse die linke und die rechte Gehirnhälfte verbindet, höhere mikrostrukturelle Diffusionseigenschaften aufweisen, was nichts anderes bedeutet als dass im Hirn der Trommel-Primitiven Signale besonders schnell von links nach rechts (oder rechts nach links) transportiert werden. Und das ist prima, denn:

In Folge dessen sind Trommler in der Lage, die Gliedmaßen mit weniger Arbeit ihres Gehirns zu bewegen und zugleich komplexere motorische Aufgaben mit wenig(er) Aufwand zu meistern.

Das könnte tatsächlich so sein. Denn wer schon mal einen Trommler auf einem Konzert beobachtet hat, weiß, dass einigermaßen gute Schlagzeuger recht clever darin sind, dafür zu sorgen, dass die Linke nicht tut, was die Rechte tut – das meint die Körperhälften – während beide glasklar darüber im Bilde sind, was nebenan gerade abgeht.

Allerdings – das ist das Manko der Studie – besagt die bessere Verbindung nicht zwingend aus, dass Drummer bessere Denker sind.

Denn „Boom Chack Boom“ beantwortet offenkundig nicht die Frage, ob die weiß-verkabelten Trommlern-Hirne auch besonders gut darin sind, Mathematikaufgaben aus der Stochastik zu lösen, Oden an die Freude zu verfassen, seltene Fremdsprachen zu lernen oder einen beliebigen Paragraphen aus dem BauGB, also dem Baugesetzbuch, zu erklären. Damit bleibt bei aller Weiß-Wascherei durch ein Plus an weißer Gehirnmasse allemal ein Restzweifel:

Sind Trommler vielleicht also doch noch immer weiterhin primitiv?

Zumindest ein klitzekleines Bisschen?

 

PS: Fool’s Overture st ein Stück der amerikanischen Progressive Rock Band Supertramp und zuerst 1977 auf dem Album Even in The Quietest Moments… erschienen.



Abbildungen: Flamadiddle



1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)

Loading...

icon artikel mailen

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Webseite verwendet Cookies, kleine Textdateien, die auf  in Ihrem Browser gespeichert werden, um die Funktion der Webseite zu verbessern und anonymisierte Statistiken zu erstellen. Hier können Sie wählen, ob und wie Flamadiddle diese Cookies setzen darf.